100 Jahre Mündener Ruderverein

Mit einer schwungvollen Feier beging der Mündener Ruderverein Pfingstsamstag sein 100-jährigen Bestehen. Passend zur Gründung in der Kaiserzeit herrschte an diesem Frühsom-mertag Kaiserwetter. Im Bootshaus an der Fulda hatten sich zu Festakt, Empfang und Bootstaufe weit mehr Mitglieder und Gäste eingefunden, als der Saal fassen konnte. Das Geschehen dort ließ sich aber auch beim „public viewing“ vor der Bootshalle verfolgen. Mit seiner kurzen, einem gehörigen Schuss Selbstironie gewürzten Begrüßungsrede signali-sierte der MRV-Vorsitzende Ulrich Görnandt dass es trotz nicht langweilig werden würde. „Jeder Ruderverein, der ein Jubiläum feiert, ist in Gefahr, seine Bedeutung zu überschät-zen“, erklärte er augenzwinkernd, und Jubiläumsredner neigten ja immer zu Übertreibun-gen und Superlativen bei der Bewertung. Beim MRV sei das natürlich nicht der Fall … Die Festrede hielt mit Thomas Kossert ein junger Historiker, der im MRV groß und zu einem erfolgreichen Rennruderer geworden war. In der Rede nahm er, wie er es ausdrückte, immer wieder einzelne kleine Fäden aus der Vereinsgeschichte auf und verwob sie mit der Welt- und der deutschen Geschichte und der Entwicklung des Rudersports. Beim Rückblick ins Jahr 1912 thematisierte er den Untergang der „Titanic“ als Medienereignis des Jahres. „Aus rudersportlicher Sicht gab es 1912 aber auch mindestens zwei wichtige Ereignisse, die kaum für Wirbel in den Medien sorgten und die im Gegensatz zur Titanic-Katastrophe äußerst erfreulich waren: Am 2. Mai erblickte der spätere Erfolgstrainer und sogenannte Ruderpro-fessor Karl Adam das Licht der Welt und eine Woche später wurde der Mündener Ruderver-ein gegründet.“ Rückblickend hätte man sich kaum einen ungünstigeren Zeitpunkt aussu-chen können – in Folge zweier Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise kam der Ruderbe-trieb in den ersten 30 Jahren dreimal völlig zum Erliegen und der Verein stand mehrmals kurz vor seiner Auflösung, berichtete Kossert. Der Mündener DLRG-Chef August Palubitzky bezeichnete später in seinem Grußwort den MRV in Anspielung auf die „Titanic“, als „unsinkbares Schiff“, das sich aus bedrohlichen Schräglagen immer wieder aufgerichtet habe. Nachdem der Verein sich in der Anfangszeit ganz auf das Wanderrudern konzentriert hatte, kam es Ende der 30-er Jahre zu wegweisenden Neuerungen. Zunächst wurde 1938 eine Frauenabteilung gegründet, ein Jahr später eine Jugendabteilung und das erste Rennboot angeschafft, ein gebrauchter Vierer vom Bernburger Ruderclub. Den „Mündenschen Nach-richten“ war das eine Meldung wert, in der allerdings vom Kauf eines „Rön 4“ die Rede war – offenbar hatte der Redakteur das Wort „Rennvierer“ falsch verstanden. Im MRV bewies man Humor und taufte das Boot auf diesen kryptischen Namen. 1947 war durch die ersten Regattasiege „aus dem einstmals reinen Wanderruderverein so-mit ein kompletter Ruderverein mit allen heute noch existierenden vier Sparten geworden, die sich freilich überschneiden“, resümierte Kossert. Zur neuen Heimat wurde der MRV für viele Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten. Anders als die Schützen- und Gesangs-vereine, die Domäne der Einheimischen blieben, bot er ihnen „beste Möglichkeit zur In-tegration“. Aktuell mache er sich „ein wenig Sorgen um die Jugendabteilung“, die regel-mäßig einen Massenexodus verkraften müsse, wenn die Jugendlichem zum Studium oder einer Ausbildung wegen Münden verließen. Dass der MRV sich gleichwohl den „Luxus“ einer Jugendabteilung leiste, sei ein Bekenntnis zu Werten, „die sich eben nicht in den Taschen-rechner eingeben lassen.“ Nach „Kossies“ mit langanhaltendem Beifall gewürdigter Rede überreichte Reinhart Grahn, der Vorsitzende des Länderrats, Ulrich Görnandt die Verbandsflagge mit Goldrand. Und er gratulierte ihm zu fünf Äquatorpreisträgern in den Reihen des MRV – in seinem Heimatland Schleswig-Holstein gebe es insgesamt nur zwölf davon. Reinhard Krüger, der Vorsitzender des Landesruderverbandes Niedersachsen, wünschte dem MRV, dass er auch künftig um-mer wieder „Kümmerer“ finden möge. Nachdem weitere spendable Gäste aus Politik, Wirt-schaft und befreundeten Vereinen Grußworte und Geschenke abgeliefert hatten, Klaus Dressler vom Kreissportbund Göttingen als Vertreter des Landessportbundes drei langjähri-ger „Kümmerer“ im MRV: Hauswart Heinz Drumann, Dr. Wilfried Kraft (stellvertretender Vorsitzender und Trainer) sowie – Überraschung, Überraschung! – Ulrich Görnandt. Der anschließende Empfang bot Gelegenheit, sich für die weiteren Programmpunkte – Bootstaufe, Ausfahrten, Sommerfest – zu stärken. In den Böcken lagen ein gebrauchter Rennvierer für ambitionierte Späteinsteiger und ein Skiff. Bei der Namensgebung bewiesen die Mündener Geschichtsbewusstsein und Humor: der Vierer heißt „Rön 4“. Getanzt und gefeiert wurde bis tief in die Nacht. Anne Schneller

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