1989: Sonderzug aus Leipzig und „grenzenlose Freude“

ASchneller_Signiertes_Blatt_P116073525 Jahre Rudererfreundschaft ARV Leipzig und DRC Hannover

An einem Freitagmorgen Anfang Dezember 1989 klingelte beim damaligen Vorsitzenden Verwaltung des DRC Hannover das Telefon. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung teilte ihm mit, tags darauf träfe ein Sonderzug voller Sportler aus Leipzig in Hannover ein. Unter den mehr als 600 Athleten seien auch 45 Ruderer, die müssten untergebracht und betreut werden. Ob man beim DRC …? Man konnte! „Alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt“, erinnerte sich der DRC-Ehrenvorsitzende Gerd Weingardt. „Dass unser damaliger Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg gleich nach der Maueröffnung eine Einladung ausgesprochen hatte (die Städtepartnerschaft Hannover/Leipzig war bereits 1987 begründet worden, Anm. d. Verf.), davon wussten nix. Aber jeder half, machte und tat etwas. Es herrschte damals eine großartige Stimmung – der Wendevirus hatte alle ergriffen. Jeder wollte, dass es gelingt und es hat dann auch alles irgendwie geklappt.“

Dies von „grenzenloser Freude“ geprägte Wochenende im Advent 1989 markierte den Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen dem DRC und dem Akademischem Ruderverein zu Leipzig (ARVL), wie der Club seit seiner Wiedergründung 1991 heißt, und vielen ihrer Mitglieder untereinander. Gelebt wurde sie seither bei unzähligen Besuchen und Gegenbesuchen, gemeinsamen Wanderfahrten auf der Weser und der Elbe, Feiern und Festen. Um das 25-jährige Bestehen gemeinsam zu feiern kam vom 28. bis 30. November 2014 eine große ARVL-Delegation nach Hannover. Dass es das erste Adventswochenende war, passte besonders gut – Advent bedeutet ja bekanntlich Ankunft. Einen Sonderzug gab es diesmal nicht, aber ein ganz besonderes Geschenk, nämlich einen Baum. Er sollte die gewachsene Freundschaft zwischen beiden Vereinen symbolisieren und den Auftrag, sie in die nächste Generation zu tragen. Der Rotdorn, der vor dem DRC-Clubhaus eingepflanzt wurde, hätte eigentlich eine Linde sein sollen – „der Baum Leipzigs“, wie Jürgen Gutsfeld (ARVL) erklärte, „aber das gab das hannoversche Baumkataster leider nicht her.“

Foto ARVL_Im_Rathaus_Hannover_483Den Auftakt der Feierlichkeiten hatte Freitagabend der Aufstieg auf den Turm der Kreuzkirche gemacht. In (kalt-)luftiger Höhe genossen die Gäste den Panoramablick über die Stadt und das eine oder andere Glast Glühwein. Beim Bummel über die Weihnachtsmärkte in der Altstadt und einer Stadtführung erlebten sie sie dann noch einmal aus einer anderen Perspektive. Zum Empfang durch den Bürgermeister am Samstagvormittag erwies die Stadt Hannover den Gästen ihre Reverenz: vor dem Neuen Rathaus wehte die Leipziger Stadtflagge. (Dass auch am DRC-Bootshaus eine gehisst worden war, versteht sich von selbst.) Immerhin neun Ruderer ließen es sich nachmittags nicht nehmen, trotz winterlicher Temperaturen und des bitterkalten Windes die geplante gemeinsame Ausfahrt auf den DRC-Hausgewässern zu absolvieren.

ASchneller_Männer_und_Flaschen_P1160724Der ARVL-Vorsitzende Hartmut Bunsen hatte sich vorzeitig vom Deutschen Rudertag losgeeist, der an eben diesem Wochenende in Berlin stattfand, aber „25 Jahre – das ist schon wert, in Hannover dabei zu sein“, fand er. Erste Kontakte der Ruderer habe es schon seit Anfang/Mitte der 80er Jahre gegeben, erzählte sein langjähriger Amtsvorgänger Werner „Fülle“ Riemann. Am Rande der Masters-Regatten im ungarischen Velence hätten sich die Aktiven aus beiden Städten den Kopf zerbrochen, wie sich eine Einladung nach Hannover erwirken ließe. „Bei der Vorbereitung eines konspirativen Rudertreffens sind wir dann von der Geschichte überholt worden“, kommentierte Jürgen Gutsfeld schmunzelnd.

ASchneller_Paddy_Doehring_und_Hartmut Bunsen _P1160725Für den DRC machte Patrick Doehring, der stellvertretende Vorsitzende Sport, beim Festmahl abends im Clubhaus die Honneurs. „Paddy“ verkörperte perfekt 25 Jahre deutsche Einheit: Er wurde 1989 kurz vor der Wende in Berlin-Köpenick geboren. In seinem Grußwort erinnerte er daran, dass das zehnjährige Jubiläum ebenfalls in Hannover gefeiert und damals ein Doppelvierer auf den Namen Leipzig getauft worden war. Dieses Boot hatte wunderbarerweise den Bootshausbrand vor zwei Jahren unversehrt überstanden. Beim 20-jährigen Jubiläum hatten sich mehr als 30 DRC’ler in die Sachsen-Metropole aufgemacht und „bestaunt, welch erfreuliche Entwicklung die Leipziger Ruderei genommen hatte – ein neuer Verein, ein neues Bootshaus voller Leben und guter Boote“, erinnerte sich DRC-Chronist Fritz Oehler. Auf den Grundmauern des im 2. Weltkrieg zerstörten Vorgängerbaus hatten die hatten die ARV-Mitglieder weitgehend in Eigenleistung die neue Anlage errichtet. Nur ein kleiner Kraftakt war es dagegen, flaschenweise „August den Starken“ an den Mann zu bringen. Den sächsischen Edel-Sekt überreichte Hartmut Bunsen an rund ein Dutzend bei der Pflege der Ruderfreundschaft besonders aktive DRC’ler und für die Organisatoren des Fest-Wochenendes gab es noch andere edle Tropfen.

In die allgemeine Freude mischte sich auch Wehmut, denn DRC-Urgestein Ernst-August Löpertz, der seinerzeit den Anruf der Stadtverwaltung entgegengenommen hatte, war wenige Tage zuvor gestorben. Mit einer Schweigeminute wurde seiner gedacht. Wäre er seinerzeit nicht ans Telefon gegangen, gäbe es die Ruderfreundschaft ARVL & DRC wohl nicht.

Anne Schneller

Fotos von Anne Schneller und privat

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