Niedersächsisches Wanderrudertreffen 2019: Klein, aber fein

Hann. Münden. Klein, aber fein ging das 29. Niedersächsische Wanderrudertreffen über die Bühne. Es fand vom 4. bis 6. Oktober statt, diesmal im südöstlichsten Zipfel des Landes, in der Drei-Flüsse-Stadt Hann. Münden. Daran anknüpfend hatte das Orga-Team des Mündener Rudervereins (MRV) als Motto für das WRT „Drei Tage – drei Flüsse“ gewählt. Die Kernfahrt am Samstag auf der Fulda von Kassel nach Hann. Münden sollte von einer Vorfahrt auf der Werra und einer Nachfahrt auf der Weser eingerahmt werden. Auch für das Drum und Dran – Kultur und kulinarische Spezialitäten der Region – hatten sich die Mündener allerhand einfallen lassen, also ein wirklich attraktives Gesamtpaket geschnürt. Überraschenderweise stieß es nur auf geringe Resonanz: lediglich etwas mehr als 30 Anmeldungen gingen beim MRV ein. Das Team um Präsident Jürgen Wenzel und Vereinsmanager Thomas Kossert entschied gleichwohl „Das ziehen wir durch.“ Gesagt, getan – mit großem Engagement, viel Flexibilität und Souveränität beim Umorganisieren und Improvisieren.

Komplett umorganisiert werden musste der erste Tag. Ein Sternchen in der Ausschreibung hatte bei der Werra-Fahrt von Bad Sooden-Allendorf nach Münden den Vorbehalt deutlich gemacht: * nur bei ausreichendem Wasserstand. Er reichte nicht aus, sodass Plan B bemüht und auf die Fulda ausgewichen wurde. Samstag ruderten wir sie wie geplant stromab, Freitag nun außerplanmäßig stromauf. „Ab nach Kassel!“ hieß es also zweimal – einmal auf dem Wasser, einmal über Land. Auf dem Wasserweg machten sich ein Achter, eine Barke und ein Vierer auf und nahmen die 26 Kilometer lange, durch die Schleusen Bonaforth, Wilhelmshausen und Wahnhausen aufgelockerte Strecke in Angriff. In den Booten saßen auch einige „auswärtige“ Gäste, aus Duisburg, Leverkusen und Tangermünde. MRV-Juniorin Pia Kaps radelte nebenher, bereitete die Selbstbedienungsschleusungen vor und dirigierte die Boote an die ihnen zugedachten Liegeplätze. Uwe Heinrich, der Gast aus Duisburg-Homberg, hatte seine Trompete dabei und belebte die Wartezeit – „Mit Musik geht alles besser“ – durch mehrere Ständchen.

Zur Mittagspause an der Schleuse Wahnhausen tischte MRV-Catering vorzüglich schmeckendes Chili con carne, Kaffee und Glühwein auf. Da regnete es bereits und dabei blieb es auch auf den restlichen zwölf Kilometern bis nach Kassel. Ziel war der direkt unterhalb der Kasseler Stadtschleuse gelegenen Kanu-Club, die Kanu-Vereinigung-Hessen. Deren Steg war nicht unbedingt dazu gedacht, einen Achter aus dem Wasser zu hieven, aber es ging. Im Regen war zumeist stumm vor sich hingerudert worden, aber während die triefenden Gestalten auf die Abholbusse warteten, wurde schon wieder gefrozzelt, herumgealbert und gelacht.

Aufgewärmt und in trockene Sachen gewandet ging es vom Bootshaus zum Rathaus – für 17 Uhr war eine Stadtführung bestellt. Am Rathausgiebel ertönte das Glockenspiel „Ich bin der Doktor Eisenbarth… “, es untermalte den Figurenumlauf mit Szenen aus dem Leben des legendären Wanderarztes (1663-1727). Vor dem Rathaus erwartete uns Doktor Eisenbarth höchstselbst, d.h. ein entsprechend kostümierter Gästeführer. Er erzählte Überraschendes, nämlich dass der Doktor als Chirurg ein Meister seines Fachs gewesen sei, sorgfältig, gewissenhaft und innovativ. Letzteres auch in eigener Sache, er habe nämlich im Zeitalter des Barock mittels Flugblättern und Zeitungsinseraten für seine Behandlungen geworben. Behandlungen ganz anderer Art werden an vielen Fachwerkhäusern vorgenommen. 700 davon (aus sechs Jahrhunderten) gibt es in der Mündener Kernstadt, die Altstadt ist als Flächendenkmal ausgewiesen. Beim Herumspazieren darin erläuterte Doktor Eisenbarth an diversen Beispielen informativ und unterhaltsam die bürgerschaftliche Initiative zum Erhalt der historischen Bausubstanz. Viele der Häuser sind aufwändig verziert und die Schmuckmotive orientieren sich dabei am Thema Wasser -durch die drei Flüsse Fulda, Werra und Weser ist es in der Stadt ja allgegenwärtig. Im Rahmen eines Projekts zur Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover war das thematisiert und unter dem Motto „Wasserspuren – Wasser sichtbar machen“ an vielen Stellen in der Innenstadt umgesetzt worden. Doktor Eisenbarth lotste uns zu einer ganzen Reihe davon.

Am Sonnabendmorgen hieß es dann wiederum „ab nach Kassel!“, aber diesmal in Kleinbussen, einem weiteren Vierer im Schlepptau und ohne Wasser von oben. Da ließ sich der landschaftlich schöne Abschnitt unterhalb Kassels, in dem die Fulda zwischen Reinhardswald und Kaufunger Wald entlangfließt und das Naturschutzgebiet Kragenhof mit seinen drei Inseln genießen – im Dauerregen tags zuvor hatte man das ja allenfalls peripher wahrgenommen. Bei der Mittagspause in Wilhelmshausen, am Bootshaus der Uni Göttingen, empfingen uns Jürgen Wenzel und seine Helferinnen mit Zwiebelkuchen und neuem Wein. Unsere Ruderpause nutzte die Ruderriege der Albert-Schweitzer-Schule Nienburg, die im Bootshaus ihr Trainingslager aufgeschlagen hatte, um sich die Barke auszuleihen, eine Runde zu drehen und ein ganz anderes Rudergefühl als im Rennboot kennenzulernen.

Zu Beginn des gemütlichen Beisammenseins am Abend dankte Landeswanderruderwart Kai Basedow im Namen des LRVN dem Mündener Ruderverein für die Ausrichtung des WRT und überreichte Jürgen Wenzel das traditionelle Geschenk (einen Paddelhaken). Auf den Tisch kam kulinarisches Lokalkolorit in Form der „Pizza Weserstein“. Auf den Tischen getanzt wurde nicht, auf der Tanzfläche sehr wohl – der Diskjockey hatte seine Anlage nicht umsonst aufgebaut.

Dank des opulenten Frühstücksbüffets im Bootshaus konnten sich alle mit Ohnmachtshäppchen für die 54 km lange Nachfahrt auf der Weser proviantieren – das Mittagspicknick sollte es erst am frühen Nachmittag am Ziel in Beverungen geben. Der (nicht teilbare) Achter musste an diesem Tag Hause bleiben, die Insassen wurden in zwei Vierer umgesetzt. Nach Passieren der Schleuse in Hann. Münden setzten sich die Vierer schnell ab, die Barke sicherte das Feld nach hinten ab. Als sie am Kanu-Club in Beverungen anlegte, waren die übrigen Boote schon verladen und das Büffet mit „Ahle Worschd“ und anderen hessisch-niedersächsischen Wurstspezialistäten umlagert. „Barke slippen oder Büffet?“ – das war jetzt die Frage, denn um das Dickschiff aus dem Wasser zu holen, musste die (Weser-)Seite gewechselt und im Yachthafen Dreiländereck angelegt werden. Für Befremden auf der Rückfahrt nach Münden sorgte, dass auf der B83 einige WRT-Teilnehmer – und es waren nicht die mit der weitesten Anreise! – entgegenkamen.

Es sei „ein kleines, aber feines Wanderrudertreffen mit super netten Teilnehmern in entspannter Atmosphäre gewesen“, resümierte Jürgen Wenzel, „es hat hat Spaß gemacht, Euch alle bei uns zu haben.“ Und was am wichtigsten sei: „Unter den Teilnehmern wurden schon die ersten Verabredungen für vereinsübergreifende gemeinsame Wanderfahrten getroffen.“

Bild und Text: Anne Schneller (Hannover)

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