Wanderruderer in Aurich

GrNWRT_Aurich_ASchneller_Start_in_Emden_P1160281oßes Kino am Großen Meer – Das Niedersächsische Wanderrudertreffen 2014 in Aurich

Kaum zu glauben, aber wahr: Das Landeswanderrudertreffen fand schon zum 25. Male statt. Ausgerichtet wurde es diesmal vom RV Argo Aurich, und das Argonauten-Team um die Vorsitzende Gabi Thomas hatte das nach einhelliger Meinung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sensationell gut gemacht. Wer nicht dabei war, hat viel verpasst. Besonders gelobt wurden neben der „guten“/„tollen“/“hervorragenden“ Organisation „die freundschaftliche Aufnahme“, „Herzlichkeit“ und „Fürsorglichkeit“. „Aurich wir lieben Dich“, schrieben Mart, Piet, Bob, Corrie und Andries aus Deventer ins Gästebuch. „Was Ihr auf die Beine gestellt habt, ist nicht zu toppen!“ befand das Trio vom RC Stolzenau. „Eure Veranstaltung setzt Maßstäbe“ meinte die Gruppe des RV Linden (Hannover) und Emmi vom 1. Frauen Ruder-Club Hannover bekannte „Ich kam aus dem Staunen gar nicht heraus. […] Ihr habt immer noch einen draufgesetzt.“

NWRT_Aurich_ASchneller_Windmühle_P1160285„Aurich – wo kann man denn da rudern?“ hatte sich vermutlich so manche(r) gefragt, als die Einladung sah. Nun, das Argo-Bootshaus liegt am Ems-Jade-Kanal. Die rund 70 km lange Wasserstraße führt von Emden nach Wilhelmshaven. Zwischen den Schleusen Wiesens und Rahe/Kukelorum liegt das Argo-Bootshaus. Zum Zentrum ist es nicht weit: direkt hinter dem schmucken, 2009 bezogenen Gebäude führt eine der für Ostfriesland typischen Klappbrücken in die Innenstadt. Dass der 1888 fertig gestellte Kanal nicht nur touristisch, sondern immer noch von der Berufsschifffahrt genutzt wird, konnten wir auf der Tagesfahrt sehen: an einer Verladestelle einige Kilometer vor dem Ziel lagen zwei Frachter.

NWRT_Aurich_Ingo-Roll_Ausfahrt_Schleuse_P1090186„Wir freuen uns darauf, Euch die Besonderheiten der ostfriesischen Gewässer zu zeigen“, hatten die Argonauten in der Einladung geschrieben. Für die Tagesfahrt hatten sie eine abwechslungsreiche, durchaus anspruchsvolle Route ausgewählt. Die 37 km lange Tour von Emden nach Aurich bot das volle Programm: schmale Kanäle (die auf Friesisch „Tiefs“ heißen) mit scharfen Kurven und engen Brückendurchfahrten, die weite Wasserfläche des Großen Meeres, An- und Ablegen ohne Steg, umtragen und schleusen. Neulinge und alte Hasen schwärmten abends von“ und dem „tollen Ruderrevier“ und der „sehr schönen Gegend“.

Unter den 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren auch einige weit angereiste, etwa aus BeNWRT_Aurich_ASchneller_Mittagsruhe3_P1160307rlin, Mannheim, Magdeburg oder eben Deventer. Seit zehn Jahren sind die „Wespen“ von der Roei- & Zeilvereniging Daventria mit ihren schwarz-gelb geringelten Trikots und Strümpfen regelmäßig beim Niedersachsen-WRT dabei. Piet, der nicht so gut Deutsch sprach wie die anderen, verständigte sich trotzdem problemlos mit Obmann Willi: Er sprach Nederlands und Willi Emder Platt.

Zur Begrüßung hatte es Freitag im Festzelt natürlich erstmal Ostfriesentee mit (Sahne-)Wölkchen und Kluntjes (= Kandiszucker) gegeben. Ein Päckchen Argo-Tee nebst Kluntjes fand sich auch in der Willkommenstüte, die jeder bekam. Beim Essen war auch an Vegetarier/innen gedacht worden, sodass nicht nur Bratwürste und Nackensteaks auf dem Rost lagen, sondern auch Gemüsespieße und Grillkäse. Für den Heimweg ins Luma-Lager oder die Jugendherberge – beide lagen direkt nebeneinander auf der anderen Seite des Kanals – fand sich immer ein Lotse. Es gab nur einen oder zwei Schlüssel, aus Sicherheitsgründen sollte aber der Eingang zur Sporthalle nicht offen gelassen werden. (Die in der Ausschreibung genannte Entfernungsangabe „300 m vom Bootshaus“ bezog sich allerdings, wie wir beim Fußmarsch feststellten, auf die Luftlinie). Einige Grüppchen zog es Freitagabend auch noch in die Innenstadt.

Zum üppigen Frühstücksbuffet Samstagmorgen gehörte auch eine Vitaminbombe: haufenweise Äpfel, Möhren, Bananen und Gurken in mundgerechte Happen geschnitten.  Gesund er- und wohl genährt ging es dann per Bus nach Emden. Unterwegs konnten wir schon einen Blick auf den Ems-Jade-Kanal werfen und etwas über ostfriesische Bräuche erfahren. Ein mit unzähligen Socken dekorierter Vorgarten bedeutet: „Hier wohnt ein lediger junger Mann, der heute 25 Jahre alt wird“. Wenn man(n) in dem Alter noch nicht verheiratet sei, gelte er als „alte Socke“, erklärte Argonaute Wiard. Und das bei weiblichen Wesen statt Socken Zigarettenschachteln und Pappkartons verwendet werden.

NWRT_Aurich_ASchneller_Start_in_Emden_P1160281Der Bus setzte uns unweit des Emder RV ab. Beim Fußmarsch kamen wir an der berühmten Kesselschleuse vorbei. Am Bootshaus wurden die davor abgelegten Boote aus Aurich, Norden und Oldenburg nach und nach durchs Gebäude zum Steg getragen. 16 vereinsgemischte Mannschaften gingen aufs Wasser. Bei Morgensonne und Schiebewind ruderten wir auf dem Alten Graben und dem Hinter Tief zunächst noch durch die Stadt, danach durch Wiesen- und Weideland, vorbei an Wassergrundstücken mit hübschen Häusern und liebevoll gestalteten Gärten voller kräftig-bunter Herbstblumen. Eine   Windmühle gab es auch zu sehen. An den Brücken konnten die Steuerleute ihr Augenmaß beweisen („Ruder lang oder reicht der Platz?“). Über das Knockster Tief und am Rande des Loppersumer Meers entlang erreichten wir schließlich das Große Meer. Bei glattem Wasser war die Überquerung ein Kinderspiel. An der Paddel- und Pedalstation warteten schon zwei dampfende Suppenkessel auf uns. „Gulaschsuppe oder Gemüseeintopf?“ – das war jetzt die Frage. Neben den Suppentöpfen stand eine große Dose Fruchtgummis – eine von vielen netten, fürsorglichen kleinen Gesten. Dazu gehörte auch, dass den ganzen Tag Mineralwasser bereitstand, und das kostenlos. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer solle das WRT eine „erleichterte Wanderfahrt“ sein, erklärte Gabi Thomas, und dazu gehöre, dass sie sich ums Wasser nicht selbst kümmern müssten.

Nach der Mittagspause überquerten wir wieder das Große Meer. „Langes Meer“ wäre für den größten Binnensee Ostfrieslands der passendere Name: Er ist etwa fünf Mal so lang wie breit. Auf dem parallel zum Großen Meer verlaufende Marscher Tief und den Heikeschloot (Schloot heißt Wassergraben) ruderten wir bis “Mittelhaus”. Dort wurden die Boote in den Ems-Jade-Kanal umgesetzt. Beim Ausheben deNWRT_Aurich_ASchneller_Mittagsruhe1_P1160305r Boote und dem Hochschleppen auf die Deichkrone halfen sich die Mannschaften gegenseitig. Für die Fotografen bedeuteten der ausgebreitete Bootspark ein gefundenes Fressen. Für die Ruderer gab es Kekse und Obst, unermüdlich wurden Äpfel zerteilt und Bananen halbiert. Da es bis zur Schleuse Kukelorum nur noch zehn Kilometer waren und die Schleusung erst für 18 Uhr bestellt war, blieben noch rund vier Stunden Zeit für ein Mittagsschläfchen und viele Klönschnacks. Dass es nach der Mittags- nun eine zweite kommunikative Pause gab, war ganz nach dem Geschmack von Landeswanderruderwart Kai Basedow. Zweck des Landes-WRT ist ja, dass sich die Teilnehmer/innen kennenlernen und austauschen können. Eine dritte Gelegenheit ergab sich beim Warten an der Schleuse, am Steg oder im „Schleusenkrug“. [Foto: Biergarten]. Ihren etwas merkwürdigen Namen verdankt die Schleuse den plattdeutschen Ausdrücken „kieken“ und „luren“ (= wachen, lauern). Der Name ist also Programm für den Schleusenwärter.

Zwei Kilometer später fand die schöne Fahrt am Bootshaus ihr Ende. Abends bog sich die lange Tafel in der Bootshalle unter der Last eines opulenten kalt-warmen Büffets: Unmengen von Antipasti und frischen Salaten, Pasta und Kartoffelgratin, Fisch, Fleisch, ein vorzügliches Tiramisu und andere Schmankerln. Wohl dem, der zwei eventerfahrene Ernährungsberaterinnen im Club hat und (mindestens) ein Finanzgenie für die Kalkulation. Fotograf Hans hatte uns nicht nur den ganzen Tag begleitet uNWRT_Aurich_ASchneller_Gabi_Thomas_P1160314nd fleißig geknipst, sondern die Ausbeute noch schnell zu einer Präsentation verarbeitet, die abends im Zelt gezeigt wurde. Mit dabei waren auch Gabi Thomas’ Bilder. Ihr war am Großen Meer ein großer Malheur passiert, nämlich die Kamera ins Wasser gefallen. Die Speicherkarte hatte es überlebt. Was fehlte, war der Paddelhaken, mit dem sich der Landesruderverband üblicherweise beim WRT-Ausrichter bedankt. Er hatte sich, wie sich etwas später herausstellte, zum DRV-WRT in Hameln verirrt, das eine Woche vorher stattgefunden hatte.

Nach dem Frühstück – die Etagere, die am Vorabend mit Antipasti bestückt gewesen war, fungierte jetzt als „Brötchenbrunnen“ – ruderten die Emder nach Hause und die Übrigen in die andere Richtung, bis zur Schleuse Wiesens. In der Schleusenkammer übten sich zwei moppelige Bisamratten im „kieken und luren“. Einige der Gäste verfuhren auch nach diesem Motto und blieben noch ein paar Tage in der Region. Und die Argonauten freuten sich, „dass die ganze Rudererkarawane in Ostfriesland Station gemacht hat, um etwas Neues zu entdecken, und alles so positiv aufgenommen hat“ (Gabi Thomas).

Bericht und Fotos: Anne Schneller

Facebook

Get the Facebook Likebox Slider Pro for WordPress